Ich übersetze gerne Bücher. Romane. Für Verlage und für Selfpublisher. Natürlich immer nur aus dem Englischen in meine deutsche Muttersprache. Da mich oftmals Anfragen nach Romanübersetzungen aus dem Deutschen ins Englische erreichten, und ich niemanden gefunden hatte, der, wie ich, die Übersetzung für Selfpublisher im Paket mit Lektorat und Korrektorat anbietet, kam ich 2020 in der Coronakrise auf die Idee, einen solchen Buchübersetzungsservice zu gründen.
Ziel war es, den Autoren zu helfen, damit sie ihr Buch auf Englisch veröffentlichen können. Da ich weiß, wie schwierig es ist, gute Übersetzer zu finden, und ich dafür Quellen und Kontakte habe, war es meine Intention, gute Übersetzer zu finden, zu testen, in meine Kartei aufzunehmen und dann mit den Romanübersetzungen ins Englische zu beauftragen. Und ebenso gute Lektoren und Korrekturleser zu finden. Diese Arbeit der Suche nach drei Dienstleistern in einer Fremdsprache wollte ich den Autoren abnehmen – das war mein Service.
Zweites Ziel war es, Übersetzern zu Aufträgen zu verhelfen. So viele möchten so gerne Bücher übersetzen, bekommen aber keinen Fuß beim Verlag in die Tür und können sich nicht gut genug vermarkten, um an Aufträge für Selfpublisher zu kommen.
Win-win! Autoren helfen, Kollegen helfen, und natürlich hatte ich für meinen Teil der Arbeit eine Marge.
Das klappte auch echt gut! Ich hatte tolle Übersetzer, tolle Lektoren und tolle Korrekturleser. Gemeinsam haben wir tolle Bücher für tolle Autoren übersetzt. Da das so gut lief, habe ich noch einen Buchübersetzungsservice für die umgekehrte Richtung, aus dem Englischen ins Deutsche gegründet, bei dem ich das Lektorat übernommen habe, weil mir zu der Zeit das Lektorat von Übersetzungen am meisten Spaß gemacht hat. Und auch dieser Service lief gut und wir haben tolle Bücher für tolle Autoren übersetzt.
Und dann kam DeepL. Natürlich gab es DeepL schon vorher, aber auf einmal kamen Leute auf die Idee, dass es völlig ausreichend wäre, Romane einfach nur durch DeepL zu jagen und allenfalls mehr oder weniger zu bearbeiten. Ich kann verstehen, dass Normalbürger, die nicht viel davon verstehen, wie Übersetzen wirklich funktioniert, so denken – aber nicht Profi-Übersetzer.
Anfangs habe ich bei meinen Übersetzungsservices tatsächlich nicht explizit vorgegeben, dass die Übersetzer keine KI verwenden dürfen – das hielt ich für selbstverständlich. So wie ich in einem Restaurant selbstverständlich erwarte, dass mir etwas Selbstgekochtes vorgesetzt wird und keine TK-Fertigmahlzeit. Dann wurde mir das erste Mal eine bearbeitete DeepL-Übersetzung untergeschoben. Die Übersetzerin hatte mit Trados gearbeitet und die Segmente mit DeepL automatisch vorübersetzen lassen. Trotz ihrer Überarbeitung und der Überarbeitung durch die Lektorin gab es massiven Ärger von der Autorin, weil schlicht noch jede Menge Fehler drin waren. Diese Erfahrung hat mich Geld gekostet, aber so ist das halt, wenn man als Agentin die Verantwortung übernimmt. Mit der Übersetzerin habe ich nicht noch mal zusammengearbeitet, und ich hielt die Sache für einen traurigen Einzelfall.
Dann passierte es mir wieder. Die Übersetzerin habe ich auch ausgetauscht – und dann passierte es mir mit der neuen Übersetzerin wieder. Und dann ein viertes Mal. Und jedes Mal hat mich die Sache richtig Geld gekostet, weil ein Lektorat einer noch so sehr bearbeiteten KI-Übersetzung immer länger dauert und immer teurer ist als das Lektorat einer humanen Übersetzung eines Profis – und eine Neuübersetzung sowieso.
Diese Woche ist es mir zum fünften Mal passiert. Bei einer Übersetzerin, mit der ich von Anfang an zusammengearbeitet habe und die es plötzlich völlig normal findet, DeepL zu nutzen. Übrigens haben vier von fünf unumwunden zugegeben, DeepL genutzt zu haben. Da ist überhaupt kein Unrechtsbewusstsein. Obwohl ich nach dem ersten Fall durchaus bei jedem Auftrag dazugeschrieben habe, dass die Nutzung von DeepL und Konsorten absolut strengstens verboten ist.
Nun kann man sagen, na und, ist doch egal, wie die Übersetzung entstanden ist, das Ergebnis zählt. Aber nein.
Stellen Sie sich vor, Sie sehen bei einem Tischler, der exklusive Möbel in Handarbeit herstellt, einen tollen Tisch. Und bestellen einen eben solchen Tisch für sagen wir mal 1.000 Euro. Und der Tischler bestellt einen Tisch für 100 Euro bei IKEA, baut ihn zusammen und liefert Ihnen den. Dann mag der genauso aussehen wie der Tisch in der Werkstatt, womöglich ist es sogar der gleiche Tisch – aber verarscht fühlen würden Sie sich dennoch, oder? Keine Ahnung, ob das Betrug wäre, ich bin kein Anwalt, aber es wäre auf jeden Fall absolut nicht in Ordnung, und Sie als Kunde würden sich völlig zu Recht über den Tisch gezogen fühlen.
Und viel anders ist es nicht mit einer DeepL-Übersetzung. Wenn ich eine von Menschenhand erstellte Übersetzung bestelle, dann will ich auch eine von Menschenhand erstellte Übersetzung haben und keine noch so überarbeitete Computerübersetzung. Und schon gar nicht, wenn ich die Verwendung von KI vorher ausdrücklich ausgeschlossen habe.
Und dennoch wurde ich in den vier Jahren fünfmal so übers Ohr gehauen. Fünfmal habe ich Lehrgeld bezahlt, damit die Autoren exakt die Übersetzung erhalten, die sie bestellt haben, und mit der sie glücklich sind. Weil das meine Verantwortung als Agentin war.
Aber nun ist Schluss. Ich habe keine Nerven mehr. Die Arbeit, die ich den Autoren abnehmen wollte, nämlich die Suche nach zuverlässigen, guten und ehrlichen Dienstleistern, wächst mir nun über den Kopf. Es gibt zu wenige. Und ich habe nicht mehr die Zeit und die Nerven, aus der Fülle von faulen Früchten die paar guten herauszusuchen. Und sie dann auch noch permanent kontrollieren zu müssen.
Und damit habe ich gestern den Buchübersetzungsservice geschlossen und die Website vom Netz genommen. Ich biete keine Romanübersetzungen ins Englische mehr an. Aus dem Englischen ins Deutsche übersetze ich weiterhin und lasse unter www.yourbookingerman.com auch weiterhin Romane aus dem Englischen ins Deutsche übersetzen, wobei ich das Lektorat oder wenigstens das Korrektorat übernehme.
Nur so kann ich sicher sein, mein eigenes Versprechen zu halten: Wenn ich ein Buch übersetze, dann immer ohne KI. Wenn Autoren mich beauftragen, erhalten sie echte Handarbeit, die ihr Geld wert ist.
Peter meint
Das überrascht mich doch sehr, denn ich dachte, dass das gewissenhafte Korrekturlesen nach Zuhilfenahme von KI genauso gut funktioniert. Ein kurzer A/B Blindvergleich wäre interessant. Wahrscheinlich würden es die Bücherleser merken, aber nicht ich als TLDR’ler mit einer Aufmerksamkeitsspanne von ähh…. 😀
Armin Biermann meint
Eine bewundernswerte Haltung. Aus meiner Sicht zugleich die einzige, die das Überleben des Berufsstandes sichert. Denn Maschinen können nicht übersetzen. Sie produzieren ‚wahrscheinliche Entsprechungen‘, aber die Berechnungen führen zu immer anderen Outputs, von denen im Schnitt bereits 40% Datenmüll sind, also falsch oder unsinnig. Tendenz steigend. Deshalb ist der Begriff ‚degenerative KI‘ (Dagmar Monett) so treffend.
Wer sich als professioneller Übersetzer darauf einlässt, ist Teil des Problems…
– weil die eigene Nutzung zur Generierung von Datenmüll beiträgt, an denen die Sprachmodelle der KI-Plattformen früher oder später zugrundegehen werden
– weil damit die Lüge anerkannt und verbreitet wird, Maschinen könnten übersetzen, halt nur – noch – nicht perfekt. So wird aus einem prinzipiellen, niemals überbrückbaren Unterschied (organisch/anorganisch) ein gradueller, was Menschen dazu verleitet, sich auf diesen Unsinn einzulassen. Die angebliche Perfektionierungsgeschichte von den ‚Maschinen mit menschlichen Eigenschaften und Fähigkeiten‘ ist ein Märchen, eine komplette Illusion, die nur mit einem sehr tiefen Griff in die teuerste Trickkiste der Geschichte und sehr schnellen Rechnern überhaupt eine Weile lang von der zwangsläufigen Implosion abgehalten wird. Wer nicht merkt, dass er betrogen wird, hat schon verloren.
– weil der Beruf dadurch – völlig zu Unrecht – uninteressant gemacht wird: welcher junge Mensch vor der Berufswahl wird sich dafür entscheiden, ein höchstqualifizierter Erfüllungsgehilfe einer Maschine zu werden, der die ganze Arbeit macht, aber nur ein obszön geringes Honorar dafür erhalten soll, weil ja die Maschine angeblich die Hauptarbeit erledigt hat. Erst stirbt die Berufsausbildung mangels Nachfrage, dann stirbt der Beruf… paradoxerweise, obwohl er systemrelevant und für die interkulturelle Verständigung unverzichtbar ist.
– weil das Reflexionsvermögen offenbar nicht ausreicht, um zu erkennen, dass man mit der Devise ‚If you can’t beat them, join them‘ sein eigenes Grab schaufelt… und das der Kollegen gleich mit. Wer sich auf KI einlässt, hat nicht nur verloren, sondern ist verloren, auch – und vor allem als – Sprachprofi.
https://biermann.ch/kuenstliche-intelligenz-die-groesste-und-letzte-aller-pandemien/